Krankheitsverlauf - Periodische Augenentzündung und Glaukom

Sommer 2005 - keine Augenprobleme und niemand ahnt, was kommen würde.

Oktober 2006 - Ich besuche mein Pferd auf der Weide und kriege einen Schreck:

ein großer Riss zieht sich diagonal über den gesamten Augapfel.

 

Die Tierärztin kommt sofort, spritzt Schmerzmittel und Entzündungshemmer und verordnet Augensalbe mit Antibiotika. Das Auge schwillt zwar erst an und wird trüb, doch nach wenigen Tagen ist alles wieder vorbei...

 

Nach der ersten Verletzung kommt es immer wieder zu kleineren Löchern in der Hornhaut.

Auch das andere Auge ist betroffen. Die Abstände zwischen den Verletzungen betragen manchmal Monate, manchmal nur Wochen - es ist keine Regelmäßigkeit zu erkennen.

 

Nach der dritten Verletzung werde ich panisch und vermute, dass es Periodische Augenentzündung ist. Doch die Tierärztin, die ich für kompetent halte, beruhigt mich und sagt, Jack hätte nicht die typischen Symptome und am Augenhintergrund sind keine Schäden zu erkennen.

 

Obwohl die Verletzungen immer sehr schnell wieder abheilen, bleiben ganz feine weiße Linien auf der Hornhaut zurück.

Oktober 2007 - ein Jahr nach der ersten Hornhautverletzung sehen die Augen noch sehr gut aus. Nur wenn man genau hinschaut, sieht man die bogenförmige weiße Linie auf der Hornhaut und den leichten Grünschimmer in der Pupille.

 

(zum Vergrößern, bitte auf die Bilder klicken...)

Dezember 2007 - Wir ziehen um. Im Februar hat Jack einen Virus-Infekt mit Husten und Fieber.

 

Januar 2008 - Ich bemerke einen grünlichen Schimmer in den Augen, aber nur bei einem bestimmten Lichteinfall. Ich frage telefonisch bei meiner Tierärztin nach, doch sie hält es für unbedenklich.

 

März 2008 - Ich komme zum Stall und erschrecke mich zu Tode. Jacks linkes Auge ist geschwollen und trüb und auf dem Augapfel befindet sich eine große weiße Blase. Ich gerate in Panik und rufe eine (andere) Tierärztin, sie versorgt Jack mit allem, was nötig ist, trotzdem werden die Augen in den nächsten Tagen schlimmer, auch das rechte Auge wird trüb. Erst mit Cortison-Salbe geht die Entzündung zurück.

 

Die neue Tierärztin weiß nicht genau, was Jack hat und wir bringen ihn in eine Klinik. Dort werden die Augen mit einer Spaltlampe untersucht und der Augendruck wird unter Sedierung gemessen. Im rechten Auge sind schon leichte Schäden erkennbar, der Augendruck ist normal, weshalb ein Glaukom ausgeschlossen wird. Obwohl Jack nicht die typischen Symptome zeigt, wird der Verdacht auf Periodische Augenentzündung immer stärker.

 

Zum ersten Mal höre ich von der Möglichkeit der Vitrektomie, doch ich verwerfe den Gedanken an eine Operation recht schnell wieder. Jack ist schon 19 Jahre und hat Chronische Bronchitis - ich halte seine Gesundheit nicht für stabil genug, um eine Narkose zu überstehen. Außerdem habe ich zu dieser Zeit noch die naive Vorstellung, dass die Schübe nur alle paar Monate kommen und ich die Krankheit noch über Jahre hinweg mit Medikamenten behandeln kann, bevor meinem Pferd die Erblindung droht. Ein schwerer Irrtum.

 

Mai 2008 - Ich stelle Jack in einen Stall in meinem Ort, um die Augen-Medikamente regelmäßig verabreichen zu können. Die nächsten Monate versuchen wir die Krankheit im Griff zu behalten. Anfangs liegen zwischen den Schüben noch 3-4 Wochen, doch die Abstände werden immer kürzer und schließlich muss ich täglich Cortison-Salbe verwenden, damit die Augen sich nicht eintrüben. Die weißen Linien auf den Augäpfeln werden immer zahlreicher.

 

Ich lasse mehrere Tierärzte kommen, die Erfahrung mit Augenkrankheiten bei Pferden haben. Eine eindeutige Diagnose ist schwierig, aber letztlich vermuten alle, dass es Periodische Augenentzündung ist. Ich probiere die Medikamente, die sie empfehlen, doch die Entzündung gewinnt immer wieder die Oberhand. Schlussendlich hilft nur Cortison-Salbe, welche aber nicht dauerhaft gegeben werden sollte, deshalb suche ich weiterhin fieberhaft nach Alternativen.

September 2008 - mit täglicher Gabe von Cortison-Salbe kann ich die Entzündung unterdrücken. Die Augäpfel sind normal groß.

Oktober 2008 - Ich lasse einen zweiten Test auf Herpes-Viren machen. Dafür muss ich die Cortison-Salbe absetzen. Sofort setzt die Entzündung ein und nach 2 Tagen ist das linke Auge komplett trüb, geschwollen und tränt. Danach wird die Hornhaut nie mehr richtig klar und Jack verliert das erste Mal deutlich an Sehfähigkeit. Es dauert lange, bis ich die Entzündung wieder in den Griff bekomme, Jack muss jetzt zweimal täglich Salbe bekommen.

 

Dezember 2008 - Das linke Auge ist stark vergrößert und getrübt. Der Tierarzt misst einen erhöhten Augendruck auf beiden Seiten. Jack hat also zusätzlich zur Periodischen Augenentzündung auch noch Grünen Star (Glaukom). Er braucht Augendruck-senkende Tropfen. Diese müssen alle 8 Stunden verabreicht werden, länger wirken sie nicht.

 

Der Tierarzt überredet mich, die Cortison-Salbe abzusetzen, weil er glaubt, Jack hätte NUR Grünen Star und keine PA. Obwohl ich ein sehr schlechtes Gefühl dabei habe, versuche ich es. Die Entzündung eskaliert und beide Augen trüben stark ein, sind geschwollen und tränen. Das linke Auge ist am schlimmsten betroffen. Ich muss mehrmals am Tag Cortison-Salbe verwenden, um die Entzündung wieder zu reduzieren. Jack verliert wieder an Sehfähigkeit.

 

Ich merke, dass die Medikamente immer weniger helfen und ringe nun doch mit dem Gedanken, Jack operieren zu lassen. Ich kontaktiere Prof. Dr. Gerhards und Prof. Dr. Toth, doch ihre Aussagen machen mir wenig Hoffnung: bei Appaloosas ist der Krankheitsverlauf häufig viel schwieriger und extremer, als bei anderen Rassen und damit hat die Vitrektomie deutlich weniger Aussicht auf Erfolg. Da Jacks Augen schon in einem sehr schlechten Zustand sind, wäre das Komplikations-Risiko recht hoch und wahrscheinlich hätte die OP keinen großen Einfluss auf das Glaukom (welches langfristig ebenfalls zur Erblindung führt). Außerdem habe ich nach wie vor große Angst, dass Jack eine Vollnarkose nicht überleben könnte und da die Erfolgsaussichten so gering sind, entscheide ich mich erneut gegen die Vitrektomie.

 

Januar 2009 - Jack bekommt jetzt dreimal täglich 4 Medikamente in jedes Auge. Der Abstand zwischen den Gaben darf maximal 8 Stunden betragen, was bedeutet, dass ich sehr früh morgens und sehr spät abends zum Stall fahren muss, am Wochenende sogar nachts. Mein Freund begleitet mich, da der Offenstall recht einsam im Wald liegt. Es ist sehr kalt in diesem Winter, nicht selten -20°C und es dauert eine halbe Stunde, alle Medikamente zu verabreichen. Der Schlafmangel ist schrecklich und meine Nerven liegen blank, weil ich zwar alles tue, was möglich ist und dabei doch nur zusehen kann, wie die Augen immer schlechter werden, weil die Medikamente nicht mehr gegen die Entzündung ankommen und mein Pferd ganz offensichtlich leidet.

Januar 2009 - Die Augen werden nicht mehr richtig klar und schimmern leicht bläulich. Der linke Augapfel ist durch den erhöhten Augendruck vergrößert.

Februar 2009 - Jack ist in den letzten Wochen schlapp und kraftlos. Er will sich kaum bewegen und steht meistens schlafend herum. Die Entzündung raubt ihm alle Energie und es bricht mir das Herz, ihn so zu sehen. Ich frage mich, ob er Schmerzen hat, ob er noch Leben will. Die Tierärzte können mir diese Fragen nicht beantworten. Ich ringe mit dem Gedanken, ihn einschläfern zu lassen, doch er ist verfressen, wie eh und je und erträgt tapfer alles was kommt, so dass ich nicht weiß, was richtig ist. Ich versuche ihm mit Akupunktur etwas Gutes zu tun und es hilft auch ein bisschen.

 

März 2009 - Gerade als ich die Hoffnung aufgegeben habe, finden wir endlich eine richtige Augenspezialistin in unserer Nähe, sie verschreibt uns neue Tropfen gegen den erhöhten Augendruck, die endlich wirken. Auch die anderen Medikamenten werden umgestellt, um das Cortison zu ersetzen. Leider geht es schief und die Entzündung kommt mit voller Wucht zurück. Dieses Mal ist Jacks Augenlicht auf dem linken Auge für immer verloren.

 

Jacks Sehkraft hat auch auf dem rechten Augen deutlich nachgelassen. Trotzdem findet er sich in seiner gewohnten Umgebung erstaunlich gut zurecht. Allerdings ist er jetzt schreckhafter und scheut z.B. vor Schatten auf dem Boden. Zum Glück geht es ihm etwas besser, seit es wieder wärmer ist und er hat wieder mehr Energie.

März 2009 - Das linke Auge ist durchgehend trüb und vergrößert. Er sieht nur noch Schemen und ist deutlich schreckhafter.

April 2009 - Die Entzündung ist kaum noch im Griff zu behalten, die Medikamente kommen einfach nicht mehr dagegen an. Dann passiert, was ich am meisten befürchtet habe: Jack verletzt sich die Hornhaut. Damit besteht die Gefahr, dass sich Bakterien oder Pilze in die Wunde setzen und das Auge infizieren. Um das zu verhindern, müssten wir die Cortison-Salbe absetzen, sie unterdrückt das Immunsystem und somit den Schutz gegen Infektionen, außerdem verlangsamt sie den Heilungsprozess der Wunde. Doch ohne Cortison setzt sofort der nächste Schub ein - ein Teufelskreis.

 

Trotz aller Versuche schwillt das rechte Auge immer weiter zu. Die Bindehäute sind stark durchblutet und Jack will sich die Medikamente nicht mehr rein machen lassen. Die ganze Zeit hat er alles brav über sich ergehen lassen, aber jetzt sind die Schmerzen zu stark. Ein Jahr lang haben wir verzweifelt gegen die Entzündung angekämpft, haben alles an Kraft und Nerven investiert und mit allen Mitteln versucht, die Erblindung aufzuhalten - doch alles umsonst.

 

Wir sind am Ende.

 

Ich muss schnellstmöglich eine Entscheidung treffen. Es gibt nur zwei Möglichkeiten und eine ist schlimmer, als die andere. Entweder lasse ich Jack einschläfern, oder die Augen müssen raus.

 

Die nächsten Tage und Nächte sind die Schlimmsten in meinem Leben. Ich ringe mit mir und quäle mich mit der Entscheidung, Jack zu erlösen. Doch ich kann mich nicht dazu überwinden, ich kann einfach nicht akzeptieren, dass diese blöde Krankheit sein Ende bedeuten soll. Er ist so tapfer gewesen und kommt so gut zurecht. Aber ich will auch nicht, dass er leidet und vielleicht ein unglückliches Leben als blindes Pferd führen muss. Wenn er mir doch nur sagen könnte, was ER möchte! Die Verantwortung für sein Leben, lastet unbeschreiblich auf mir und schließlich übergebe ich dem Schicksal die Entscheidung. Ich entschließe mich, ihn in die Klinik zu bringen, um die Augen entfernen zu lassen. Sollte er wieder aus der Narkose aufwachen, bekommt er seine Chance. Wenn nicht, dann ist er friedlich eingeschlafen.

April 2009 - Die Situation hat sich innerhalb weniger Wochen dramatisch verschlimmert. Das rechte Auge ist nun ebenfalls durchgehend trüb, geschwollen und schmerzhaft. Auf der Hornhaut befinden sich große weiße Flecken. Das linke Auge ist bereits komplett blind.

April 2009 - Der Stall gleicht einer Baustelle. Um es Jack leichter zu machen, haben wir alles was schwer zu sehen ist, mit Flatterband umwickelt. Trotzdem sind kaputte Zäune in dieser Zeit an der Tagesordnung.

April 2009 - Als die Entscheidung gefallen ist, geht alles ganz schnell. Der Tierarzt, der Jack operieren soll, besucht uns, um sich ein Bild von Jack und seinem Leben zu machen. Er hat keine Erfahrung mit blinden Pferden und will den Eingriff nur vornehmen, wenn er glaubt, Jack könnte auch ohne Augen zurecht kommen. Eine Woche später bringen wir ihn in die Klinik.

 

Am 25. April 2009 werden ihm die Augen entfernt. Ich sterbe fast vor Angst, aber mein Pferd ist ein Kämpfer und übersteht alles ohne Komplikationen.

 

Die Anblick nach der OP ist schrecklich und die ersten Tage sind nicht einfach. Doch Jack hat großes Vertrauen und es geht täglich bergauf.

April 2009 - Vor der Klinik, die letzten Bilder mit Augen. Das rechte Auge tränt und schmerzt, Jack kneift es permanent zu. Erst in der fremden Umgebung wird so richtig deutlich, dass er im Grunde schon nichts mehr sieht. Es braucht viel Zeit und Überredungskraft, ihn über den Hof und in die Box zu führen, jede Bodenunebenheit scheint eine unüberwindbare Klippe zu sein.

 

Nach der OP mit einem Verband um den Kopf. Durch die lang andauernde und starke Entzündung war das Gewebe um die Augäpfel viel stärker durchblutet, als normalerweise, deshalb ist sein Fell überall mit getrocknetem Blut verkrustet.

 

Einen Tag nach der OP. Die ersten Schritte waren sehr schwierig, doch das Gras schmeckt so gut, wie immer. 

 

Nur 2,5 Jahre nach der ersten Hornhautverletzung ist Jack komplett blind.

Mai 2009 - Jack ist wieder zuhause und macht die ersten Schritte ohne Augen. Es fällt mir sehr schwer, ihn gleich im Offenstall und auf der Weide laufen zu lassen, doch er will nicht in der Box bleiben und setzt seinen Kopf, wie immer, durch. Ich muss lernen, dass ich ihn nicht vor Allem beschützen kann. Und er muss nun lernen sich mit seinen anderen Sinnen zurecht zu finden...

 

Die Blindheit...